Wolfgang Welt in Opak: “Weder noch ist mir gelungen”
by Jan Schimmang on August 12th, 2010

Seine Sprache zeichnet sich durch eine Direktheit aus, deren Authentizität bisweilen geradezu primitiv erscheint. Der erste Satz seines Romans ”Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe”:
“Etwa zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung machte mir Sabine am Telefon Aussicht auf einen Fick, allerdings nicht mit ihr selber, sondern mit ihrer jüngeren Schwester.”
Der Schriftsteller Wolfgang Welt muss sich mittlerweile mit dem Klischee auseinandersetzen, als einer der ersten deutschen sogenannten Popliteraten zu gelten. Der Mensch dahinter: schwer greifbar. Sein Werk: vermeintlich verkannt. Prägnant zusammenfassend ist das Portrait in der Zeitschrift Opak, indem sein Schaffen und Leben skizziert werden. Zitat:
“1983 wird Welt in die Psychiatrie eingeliefert. Er hatte sich u.a. für J.R. Ewing gehalten (…) und in einer Tchibo-Filiale randaliert. (…) Damit ist Welts kurze Karriere als Musikjournalist beendet. (…) Seit 1991 sitzt er fünf Tage die Woche von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens in der Portiersloge des Schauspielhaus Bochum.”

Absolut lesenswert ist zudem sein wundersam sperriges Gespräch mit den Autoren Lasse Koch und Christian Ebert.
Frage: “Warum hast du mit dem Schreiben angefangen?”
Wolfgang Welt: “In erster Linie wollte ich natürlich Geld verdienen und berühmt werden. Weder noch ist mir gelungen.”
Das vollständige Portrait und Interview findet sich in der aktuellen Ausgabe von Opak - ab sofort erhältlich.
Imperial Bedrooms: Ein Zeitsprung mit Bret Easton Ellis
by Jan Schimmang on July 23rd, 2010
Foto: Elizabeth Daniels

1985, als er seinen Debütroman “Unter Null” schrieb, war Bret Easton Ellis 21 Jahre alt und ging noch zum College. Protagonist der Handlung: Clay, ein snobistischer Student, der sich in eine Dreiecksbeziehung mit seiner Freundin Blair und deren Liebhaber Julian verstrickt: eine hedonistische Weltanschauung pervertiert zum Albtraum.
25 Jahre später wagt Ellis das Experiment, Clay als Romanfigur zu reaniminieren, indem er ihn als erfolgreichen Drehbuchautoren nach Los Angeles zurückkehren lässt. Seine Ex-Freundin Blair, mittlerweile unglücklich verheiratet, übt auf ihn immer noch eine gewisse Faszination aus - doch niemand, selbst seine alten Freunde nicht, scheinen über Clays Rückkehr glücklich zu sein: das Setup für die Fortsetzung einen Generationenportraits.
“Imperial Bedrooms” ist kürzlich auf Englisch erschienen. In deutscher Sprache erscheint der Roman am 23. September bei Kiepenheuer & Witsch.
“Über Marken und Menschen”
by Jan Schimmang on June 14th, 2010

Dass im Untertitel von Quality die “Marke” noch vor dem “Menschen” kommt, ist vielleicht bezeichnend für den Kapitalmarkt am Kiosk. Ob es sich dabei gar um eine Anspielung auf Steinbeck handelt, darf bezweifelt werden. Das Team um Constantin Rothenburg ist der Missing Link zwischen einer glamourösen Hochglanz-Zeitschrift und einem lesenswerten Reportage-Magazin gelungen. Was Journalismus von Format betrifft, setzt Quality dort an, wo Park Avenue vor anderthalb Jahren aufgeben musste: Einerseits kann man sich am elitären Habitus und am stilsicheren Layout ergötzen, anderseits darf man sich auch in den Zeilen verlieren; beispielsweise in Laura Salm-Reifferscheids Ausführungen zu Mozzarella oder den Blick von Asia Kornacki hinter die Kulissen von Acne. Apropos Verlinkung: Die Artikel vergangener Ausgaben können online gelesen werden. Die Kraft dieses Print-Produkts spürt man allerdings wirklich erst so richtig, wenn man es physisch vor Augen hat: look & feel.
Update: Die aktuelle Ausgabe vom 14. Juni feiert übrigens die Cover-Premiere von Lourdes Ciccone.
“Berlin liebt dich nicht.”
by Jan Schimmang on March 1st, 2010

Für die einen ist Patrick Wagner ein egozentrisches Großmaul ohne Distanz zu sich und der Welt. Für andere ist der Gründer von Louisville Records ein kompromissloser Vordenker des Rock’n'Roll, dessen Liebe zur Musik an Wahnsinn grenzt. In jedem Fall ist er ein pointierter Schreiberling. “Berlinlos”, sein Beitrag für das österreichische Magazin Datum ist eine Abrechnung mit dem hippen Berlin und dessen Mentalität. Sie strotzt zwar nur so vor Klischees und überzogener Polemik - ist aber nicht nur gut beobachtet, sondern beeindruckend präzise formuliert:
“Vater und Mutter, eher spät zu Kindesfreuden gekommen und demnach bei der Einschulung um die 40, kämpfen nun mit Betablockern, Prozac und professioneller psychologischer Hilfe gegen die sich mit aller Macht ins Bewusstsein drängende Midlife-Crisis. Die, die es nicht mal zu Nachwuchs geschafft haben oder selbigen in ausgeklügelten Patchworksystemen großziehen oder gar Single sind, trifft man nicht selten in exklusiven Mitte-Nachtclubs wie der ’Bar Tausend’. Extrem geschmackvoll wird dort ein Achtzigerjahre-Schwabing-Klischee zelebriert, inklusive unnachgiebigem Türsteher, grauenvoller Musik (trotz Überdruss freut man sich, wenn der gefeierte DJ auf vielfache Nachfrage endlich Michael Jackson auflegt), ebenso guten wie teuren Drinks und Toiletten-Sessions zu dritt.”
En passant wagt der Ex-Surrogat-Sänger dabei eine wilde politische Einschätzung inklusive eines Abriss über die Musikszene der Hauptstadt - und nicht nur an Warren Suicide geht dabei eine berechtigter Credit. Man kann Patrick Wagner und seinen Zynismus zum Kotzen finden. Seine Meinung erst recht. Doch sie ist absolut lesenswert.
Update: Am 1. März verkündigt Patrick Wagner das Ende seines Labels Louisville (u.a. Kissogram, Maximilian Hecker, Jeans Team, Naked Lunch). Man sei bankrott. Und wieder eine gute Adresse weniger in Musikgeschäft.
Dance and Sensibility: “Liebestänze” von Rainer Schmidt
by Jan Schimmang on December 28th, 2009

Laut Klappentext ließ ein neuer Sound die Herzen einer Generation nicht höher, sondern schneller schlagen. Ein arg bemühtes Klischee, eine schräge Phrase für das Lebensgefühl derjenigen, für die Techno nicht nur Musik, sondern Selbstfindung war. Vielleicht heute noch ist. In “Liebestänze” von Rainer Schmidt geht es um eine Suche. Um das Finden des Glücks, um den Kontrast zu dem bisher Erlebten, um die Sehnsucht nach anderen Horizonten.
Berlin, Mitte der Neunziger Jahre. Ein junger Bankmanager zieht in die Hauptstadt, zelebriert das hedonistische Nachtleben und verliebt sich. Der Rahmen für ein wildes Generationen-Portrait, das gleichzeitig auch eine Liebesgeschichte erzählt.
Der Roman funktioniert seit kurzem auch als Online-Projekt: In voller Länger wird er via Video im Netz vorgetragen. Es lesen unter anderem Rainald Götz, Feridun Zaimoglu oder Maxim Biller.
Benjamin von Stuckrad-Barre liest aus Rainer Schmidts “Liebestänze”:
Der bewegte Moment: Zum Gestus des King of Pop.
by Jan Schimmang on December 14th, 2009

Text zum Download.
Erschienen in Ästhetik & Kommunikation, Heft 146:
“Tanz, Mensch, tanz”, Ausgabe Herbst 2009.
Mit Success auf dem Zeitgeist-Express
by Jan Schimmang on December 4th, 2009

Eine weitere fragwürdige Ergänzung in der Discographie Falcos. Man habe es einem Wasserrohrbruch zu verdanken, dass in einem Keller bisher ungehörtes Material entdeckt wurde. Ein paar Demos, original eingesungen, soundtechnisch überarbeitet. “The Spirit never dies”. Die Wertschöpfungskette auch nicht. Dass im Video des Titeltracks auch noch seine angeblich letzte große Liebe Caroline Perron ihre Rolle spielt, ist dann schon mehr als skurril - eher peinlich. Die große Bedeutung von Falco - nicht nur für die deutsche Popkultur - hat Walter Gröbchen bereits vor zwei Jahren formuliert. Gleich ein ganzes Buch widmet ihm Hans Bork, erzählt einfach mal “Die Wahrheit”. Die setzt sich natürlich aus Genie und Wahnsinn zusammen, bietet Exzesse und Eskapaden, versucht dabei aber auch Hans Hölz zu charakterisieren. So genannte Enthüllungsbücher darf man verurteilen. Aber wenn jemand sowas schreiben kann, dann in der Tat dieser Autor, der lange Zeit Falcos Manager war. Insofern lesenswert. Wie der Sänger sich selbst stilisieren, aber auch dekonstruieren konnte, zeigt unter anderem sein mutig inszenierter Auftritt bei Harald Schmidt in den Neunziger Jahren.
Wenn man Falco lesen möchte, dann am besten seine Texte. Immer wieder aufs Neue erschließt sich die Poesie seiner Zeilen: “Zwischen Weltbild und Success, fahren wir einen Zug, den Zeitgeistexpress”, schrieb er einst für “Les Nouveaux Riches” und dichtete: ”Ich kenne meine Partner, deine nicht. Die Quintessenz der Sprache ist Gift. Es gibt bessere und es gibt mich - du liebst das Leben, ich liebe dich.”
Über die mediale Vermarktung seines künstlerischen Vermächtnis könnte man sich echauffieren. Doch zugegeben: Die Faszination für Falco ist bisweilen sogar noch größer als der Respekt vor seinem Werk.
Dance Culture
by Jan Schimmang on November 26th, 2009

Das Magazin “Ästhetik & Kommunikation” widmet sich in seiner neuen Ausgabe dem Tanz - im weitesten Sinne, aber immer mit speziellem Fokus. So schreibt Gabriele Klein über “Das soziale Choreographieren”, Melanie Haller weiß, wie der einzelne Schritt zum Erlebnis wird und Thomas Rieser erklärt die Faszination des argentinischen Tango. Außerdem: Gedanken zum Gestus des King Of Pop - ein Nachruf. Das Heft ist ab sofort im gut sortierten Buchhandel erhältlich.
Zur Relevanz der Rezension
by Jan Schimmang on November 16th, 2009

Vor rund zwei Monaten feierten sich zwei große deutsche Zeitschriften selbst: Der Musikexpress blickte auf vierzig Jahre zurück, der deutsche Ableger des Rolling Stone auf immerhin fünfzehn. Ein würdiger Anlass, den Status Quo des deutschen Musik-Journalismus zu reflektieren. Was ist los mit dir, gedruckte Pop-Rezension?
Genau das dachte sich auch Christina Hoffmann und schrieb den lesenswerten Artikel “In der Zeitgeistschleife” für die FAZ. Zwischen den Zeilen, nicht explizit formuliert, immer wieder der nicht ganz unberechtigte subtile Vorwurf, dass die Schreiberlinge von heute zu Erfüllungsgehilfen der Musik-Industrie verkommen seien. ”Wo früher idiosynkratische Empfehlungen oder kämpferische Verrisse zum guten Ton gehörten, herrscht heute eine Mischung aus Beliebigkeit und Nostalgie” heißt es in dem Text - und das stimmt durchaus.
Daniel Vujanic formulierte diese Tatsache im Oktober für die Zeitschrift Blank wie folgt: “Wieso redet eigentlich niemand über die völlige Homogenisierung der Musiklandschaft? Über die sich immer mehr – in Erscheinungsbild und Inhalt – angleichenden Printmedien. Über die perfide Ästhetik des Konsens. Darüber das alle immer alles hörenswert oder irgendwie toll finden.” Ähnlich hatte diese Krux auch schon Mark Terkessidis für die Wochenzeitschrift Der Freitag formuliert.
Für Einsteiger: Die Kernproblematik ist, dass Themen bedient werden müssen, weil diese Anzeigen der Industrie garantieren, auf die Medien oft finanziell angewiesen sind, um zu überleben. Und auch, um gute Inhalte zu produzieren - das wird oft vergessen. Denn die Laster der klassischen Musikpresse muss man kritisieren, darf aber gleichzeitig auch anerkennen: Als Inspirationsquelle und repräsentativer Überblick taugt sie noch immer. Sogar ein bisschen mehr als das: Klaus Walter erklärt mittels eines Essays in der aktuellen Sounds mal eben die letzten zwanzig Jahre Popkultur in Deutschland, Wolf Kampmann portraitiert in einem Dossier Element Of Crime für den Musikexpress nahezu abschließend und Linus Volkmann besprach mal für die Intro ein Album von Curse, in dem er einfach nur eine Frage stellte. Definitiv das Papier wert, auf dem es geschrieben steht.
Im Grunde sollte man in der Diskussion um die vermeintlich Authentizität der Pop-Medien doch schon längst einen Schritt weiter sein, überspitzt formuliert: Nur von guter Musik lässt sich nicht leben, von guten Texten über gute Musik schon gar nicht. Längst geht es doch nur darum wie geschickt und bestmöglichst aufrichtig zwischen Kunst, Kommerz, Konsens und Kompromiss balanciert wird. Ein gelungenes und viel zitiertes Beispiel: Die Nudel-Werbung im Impressum der Spex.
All diese Ambivalenz mag so manchen Schöngeist erschüttern. Aber im Fazit muss auch er die bittere Wahrheit des modernen Medienzeitalters realisieren, die schon immer zutraf und heute um so mehr gilt: Es kommt nicht darauf an, was man liest - sondern wie man liest.
Fortsetzung folgt: Literatur vor dem Kino.
by Jan Schimmang on November 3rd, 2009

Kein Roman, der als Filmvorlage dient und schon gar nicht ein Buch, das zum Film nachgeschoben wird. Der Titel “Soul Kitchen: Der Geschichte erster Teil - das Buch vor dem Film” ist selbsterklärend. So hat Jasmin Ramadan den Plot geschrieben, der den Vorhang für Fatih Akins gleichnamigen Kinofilm öffnet - und dabei wohl gemerkt mehr als ein Vorspiel ist, sondern auch als eigenständiges Werk funktioniert. Die Autorin kennt den Regisseur und den Schauspieler Adam Bousdoukos noch aus Jugendzeiten; ein Portrait deutet an, dass ihr Weg zum Schreiben eher unorthodox war.
“Zino lebt ohne Schulabschluss in Hamburg-Altona, sein geliebter Bruder sitzt im Gefängnis, die Eltern kehren nach Griechenland zurück, und der erste richtige Sex ist vorbei, ehe er überhaupt begonnen hat”, skizziert Ramadan das dramaturgische Setup ihres Debüts, das sie als Coming-Of-Age- und Road-Movie-Roman bezeichnet. Nach seinem Selbstfindungs-Trip, der den Helden bis in die Karibik führt, eröffnet ihr Protagonist schließlich ein Restaurant: “Soul Kitchen”. Und genau an diesem Handlungstrang schließt Akins Film an. Erstens lesens- und zweitens sehenswert.
Trailer: “Soul Kitchen” (Kinostart: 25. Dezember)
